„Our girls are cheaper“

11.06.2019

Warum die Leiterplatte anfangs niemand wollte

©Sashkin

Sie ist eine der wichtigsten Erfindungen in der Elektronik und des letzten Jahrhunderts generell – trotzdem hat es relativ lange gedauert, bis sich die Leiterplatte tatsächlich durchgesetzt hat.
Die Leiterplatte hat die Produktion in der Elektronik revolutioniert. Mussten vorher recht umständlich Drähte und Spulen gewickelt werden – bei Radios zum Beispiel wurden Widerstände und Drähte frei Hand verdrahtet – konnten fortan einzelne elektronische Bauteile auf zuvor bedruckten Leiterplatten miteinander verbunden werden.

Die Anfänge

Die ersten Ideen dieser Art hatte der österreichische Ingenieur Paul Eisler bereits im Jahr 1936. Während seines Studiums in Wien arbeitete Paul Eisler nebenbei für eine Zeitschrift und lernte dadurch verschiedene Drucktechniken kennen, unter anderem den Steindruck, Siebdruck und verschiedene Flachdrucktechniken. Schon bald kam ihm die Idee, dass man ja nicht nur Buchstaben auf Papier, sondern auch vorab sauber geordnete und layoutete Leiterbahnen auf ein stabiles Trägermaterial aufbringen könnte.
Und Eislers Idee funktionierte. Bereits 1936 meldete er ein erstes Vorpatent auf seine Erfindung an. Als Trägermasse wählte Paul Eisler Pertinax, ein Hartpapier, dass unter anderem Phenol-Formaldehyd-Kunstharz enthält und als isolierendes Material geeignet ist.
Paul Eisler verließ seine österreichische Heimat im selben Jahr und emigrierte nach London, da er jüdischer Herkunft war und sich in Wien nicht mehr sicher fühlte. In England versuchte Eisler, seine Erfindung an den Mann zu bringen, doch das Interesse fiel verhalten aus. Er reiste durchs Land und bot seine Erfindung wie Sauerbier an, doch niemand wollte etwas von seinen Leiterplatten wissen.

Vermarktung gestaltet sich schwierig

„Our girls are cheaper“ – unsere Frauen produzieren das billiger, lautete die Antwort des britischen Radioherstellers Plessey Inc., und somit war das Thema erledigt. Erst drei Jahre später, 1939, zeigte Harold V. Strong, der Besitzer einer Druckerei, Interesse an Eislers Leiterplatten, da er hoffte, auf die Art und Weise in die Rüstungsindustrie einsteigen zu können. Für gerade ein englisches Pfund Sterling übertrug Eisler seine Rechte der Erfindung an Strong. Doch auch Strong konnte die Leiterplatten nicht erfolgreich vermarkten, und so konnte sich die Erfindung in Großbritannien immer noch nicht durchsetzen.
Im Februar 1943 meldete Eisler eine überarbeitete Version seiner Leiterplatte in London erneut zum Patent an. Während des Zweiten Weltkriegs war es üblich, dass sich die Alliierten über Erfindungen und neue Standards austauschten, und so wurden sämtliche Erfindungen, die in England gemeldet wurden, automatisch an das amerikanische Bureau of Standards gemeldet.

Der Siegeszug der Leiterplatte beginnt beim Militär

Und in den USA kam dann tatsächlich erstmals Bewegung in die Sache. Das amerikanische Militär unternahm bereits seit Anfang der 1940er Jahre Versuche, einen elektronisch gesteuerten Annäherungs- bzw. Abstandszünder für Flugabwehrgeschosse zu entwickeln. Bisherige Versuche waren wenig von Erfolg gekrönt, zumal es schwierig war, mit den bisher gängigen Methoden elektronische Steuerungen in solch kleinem Maßstab herzustellen. Man griff also auf Eislers Leiterplatten zurück und führte diese erstmals zur Serienreife. Und damit begann der weltweite Siegeszug der Leiterplatte. Im Nachhinein gelang es Paul Eisler leider nicht, seine Patente durchzusetzen. Und so hatte Eisler eine der bedeutendsten Erfindungen der Elektronik gemacht, am verspäteten Erfolg der Leiterplatte hatte er jedoch keinen großen Anteil.

Der "zivile" Erfolg

Der zivile Erfolg von Eislers Leiterplatten setzte erst in den 1950er Jahren ein. Als erstes deutsches Unternehmen begann der in Geldern ansässige Röhrenhersteller Ruwel (heute Unimicron), Leiterplatten in Serie zu fertigen – fast zwanzig Jahre nach Eislers erster Patentanmeldung!
Heute ist die Leiterplatte nicht mehr wegzudenken. Computer, Smartphones, Fernseher, Autos – moderne Elektronik, wie wir sie kennen – wäre ohne die bahnbrechende Erfindung der Leiterplatte durch Paul Eisler gar nicht möglich. Eine Erfindung, von der fast zwanzig Jahre lang niemand etwas wissen wollte.