"Es kommt nicht oft vor, dass einem gleich der ganze Staat abhanden kommt"

09.11.2019

Werbeaufkleber VEB Messgerätewerk Beierfeld - vermutlich 80er Jahre

Am 9. November 2019 jährt sich der Tag – oder besser gesagt – die Nacht des Mauerfalls zum dreißigsten Mal. Dieser Donnerstagabend im Herbst 1989 war der Höhepunkt der friedlichen Revolution in der DDR und bereitete den Weg zur Wiedervereinigung vor.

In diesen Tagen sieht man auf allen Kanälen die Bilder aus Berlin aus jener Nacht. Jubelnde Menschen an der Mauer, später auf der Mauer, unzählige Menschen, die sich in ebenso unzähligen Trabis auf dem Weg zum Ku‘damm im damaligen West-Berlin machten. Aber wie sah es eigentlich damals im restlichen Land aus? Zum Beispiel in Beierfeld, im Erzgebirge, wo die Turck duotec GmbH heute einen ihrer Standorte hat? Eberhard Grünert, der erste Geschäftsführer der Turck Beierfeld GmbH und später auch in Verantwortung bei Turck duotec, erinnert sich noch gut an die Aufbruchsstimmung vor 30 Jahren.

Für die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik veränderte sich zu diesem Zeitpunkt vieles, eigentlich alles. Man wechselte von der Plan- in die Marktwirtschaft, das politische System änderte sich, die ersten freien Wahlen schlossen sich an und schließlich entschied die Volkskammer, der Bundesrepublik Deutschland beizutreten. „Es kommt ja nicht oft vor, dass einem gleich der ganze Staat abhanden kommt“, so Eberhard Grünert.

Volkseigene Betriebe nicht mehr rentabel

Viele der sogenannten „Volkseigenen Betriebe (VEB)“ konnten unter den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr mithalten, produzierten nicht mehr rentabel. Einige wurden abgewickelt und geschlossen, andere von der Treuhand weiterverkauft, aber einigen wenigen gelang es, weiterzumachen. Auch Eberhard Grünert, der damals für den Außenhandel des VEB Messgerätewerk Beierfeld verantwortlich war, überlegte gemeinsam mit einer Handvoll Kollegen, wie es denn weitergehen könnte. Er hatte schnell, noch im Jahr 1989, unmittelbar nach dem Mauerfall, den Plan gefasst, einen Investor in der alten Bundesrepublik zu suchen.

Hans und Werner Turck auf der Suche

Gleichzeitig, auch umgehend nach dem Fall der Mauer, machten sich Hans und Werner Turck auf die Suche nach einem geeigneten Objekt in der damaligen DDR, in das sie investieren konnten. Denn in diesen Zeiten des Umbruchs hatten sie sehr schnell den Entschluss gefasst, den osteuropäischen Markt zu erobern. Sie hatten nur ein Problem: Sie kannten sich in der DDR überhaupt nicht aus. „Hans und Werner Turck wussten, dass es irgendwo in der DDR Sensor-Spezialisten gab. Sie fuhren noch im November 1989 zu einem Unternehmerforum, einer Art Messe, nach Berlin und waren enttäuscht, als sie uns da nicht vorfanden“, erzählt Grünert, „Sie sind enttäuscht wieder heim gefahren“.

Doch die Turcks wären nicht die Turcks, und Eberhard Grünert wäre nicht Eberhard Grünert, hätten sie von ihren Plänen abgelassen. Grünert schickte eine Einladung in den Vertrieb nach Mülheim, und am 16. Oktober fuhren Hans und Werner Turck durch dicksten Schnee ins Erzgebirge, nach Beierfeld. Denn der VEB Messgerätewerk Beierfeld erschien den beiden Brüdern aus Nordrhein-Westfalen einen Besuch wert zu sein. Der Volkseigene Betrieb stellte Tachometer und andere Messgeräte u.a. für den Trabant, den Wartburg und Simson-Mofas her. Auch in der BRD waren die Fahrradtachos bekannt, die aus dem Süden Sachsens in die halbe Welt exportiert wurden. Geschockt waren Hans und Werner Turck vom Dreck, vom Gestank der Zweitaktmotoren, von den Kohleheizungen und Schornsteinen, die nach Braunkohlequalm rochen. Der Schnee war nach kurzer Zeit schwarz vom Ruß. Kein frischer Putz, keine Farbe an den Wänden.

Menschlich und technisch hat es gepasst

„Aber menschlich hat es gepasst“, berichtet Grünert vom ersten Treffen. „Man war sich gleich sympathisch, wir wissen ja, dass Hans und Werner so erfolgreich gewesen sind, weil sie von Haus aus gewinnende Menschen waren“. Das Entscheidende war aber die Fertigung, die die Turcks in Beierfeld vorfanden: „Die kamen rein und sahen bei uns SMD-Bestückungsmaschinen, da waren die ganz baff“. „Die haben wir doch selbst erst seit zwei Jahren“, soll Werner Turck in diesem Moment gesagt haben. Zudem hatten die Mitarbeiter alle eine fachgerechte Ausbildung, viele waren sogar auf der Hochschule. „Das Knowhow hatten wir“, so Grünert. Es kam zu weiteren Treffen, auch in Mülheim und Halver.

Es gelang allen Beteiligten rasch, ein Konzept auf die Beine zu stellen. Der VEB in seiner ganzen Größe wurde 1989 zerschlagen, für die Firma Turck war der Bereich der Elektronik und Sensortechnik sehr interessant. Man entschloss sich, eine eigene GmbH in Sachsen zu gründen, und so entstand die Turck Beierfeld GmbH. In der DDR nannte man das einen „Betriebsführungs- und Kooperationsvertrag“. In diesem wurde vereinbart, dass die Bestände an fertigen und halbfertigen Produkten, an Material, Maschinen, Ausrüstung und Betriebsmitteln vom VEB Messgerätewerk an die Turck Beierfeld GmbH verkauft wurden. Die Räume, die die GmbH brauchte, wurden beim VEB angemietet. Die 80 bis 90 Mitarbeiter, die man von Beginn an brauchte, waren offiziell beim Messgerätewerk angestellt, arbeiteten aber bei Turck. „So hatten wir uns quasi selbst privatisiert, noch bevor die Treuhand kam“, erklärt Grünert. Auf diese Weise wurden Fakten geschaffen. „Es hat funktioniert, weil alle ein bisschen weitergedacht haben“, so Grünert. Die erste Aufgabe, die die Beierfelder von Turck erhielten, war es, den Vertrieb in Osteuropa aufzubauen, was in den Folgejahren sehr erfolgreich gelang.

Erfolgreicher Standort in Beierfeld

Eberhard Grünert denkt heute gern an die Wendezeit 1989/90 zurück: „Es war ein unglaublich tolles, motivierendes Gefühl, dass wir endlich beweisen konnten, was wir wirklich können. Jetzt konnte man Dinge umsetzen, die man wirklich wollte. Die starre Bürokratie war weg, die Planwirtschaft, die ständig fehlenden Voraussetzungen. Es war eine schöne, damals sehr unbürokratische Zeit. Die Aufbruchsstimmung war sehr groß. Ein bisschen Wilder Westen im Osten“, blickt Grünert zurück.

Heute, dreißig Jahre später, ist Beierfeld ein wichtiger Standort der Turck duotec GmbH. Zahlreiche Produkte werden dort entwickelt und produziert. Viele Dinge haben sich im Laufe der Zeit geändert, aber eines ist sicher: Auch die nächsten Jahre werden spannend bleiben.